“Diese Position sollten Marxisten einnehmen”
Über Nationale Befreiungsbewegungen und die Frage nach einer Zusammenarbeit von Linken mit Islamisten. Ein Interview mit Hossam el-Hamalawy geführt von Jamal Iqrith
Jamal: Aktuell kämpfen in Palästina linke Kräfe mit der islamistischen Hamas zusammen. Steht die Linke zum Islamismus nicht in fundamentalem Widerspruch?
Hossam: Das kommt darauf an, von wessen Standpunkt aus man das betrachtet. Offensichtlich finden es die Linken, die vor Ort sind, günstig und darüber hinaus dringend geboten, ihre Kräfte für die nationale Befreiung zu vereinen. Der Fall Palästina wird hier in Deutschland dämonisiert, deshalb muss man sich hier diese Frage gefallen lassen, die für Kommunisten in anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit ist. Außerdem muss man von Fall zu Fall urteilen. Ob eine Allianz sinnvoll ist, ist eine Frage der Taktik.
Jamal: Aber wenn Linke in einer »Einheitsfront« nur schwach vertreten sind, können sie dann überhaupt erfolgreich sein?
Hossam Der Sinn eines solchen Bündnisses besteht ja gerade darin, dass man sich in einer breiteren Bewegung zusammentut, weil man allein nicht die Führung übernehmen konnte und, um eine breitere Basis zu erreichen. Es kommt nicht darauf an, wie stark man ist. In jeder Front, der sich Linke anschließen, müssen sie aber ihre organisatorische Unabhängigkeit bewahren, und immer auf dem Recht bestehen, den anderen Kräfen, mit denen sie zusammenarbeiten, kritisch gegenüberzustehen, egal ob es sich um Islamisten oder Säkulare handelt.
Jamal: 1979 arbeiteten Linke im Iran mit islamischen Kräften gegen das Schah-Regime zusammen und wurden in der Folge von den neuen Machthabern zu Tausenden massakriert.
Hossam: Im Iran hat man sich auf eine Volksfront eingelassen, nicht auf eine Einheitsfront. Das bedeutet, dass man die anderen Kräfte im Bündnis nicht mehr kritisiert. Dies geschah auch mit den Kommunisten im Sudan. Sie gingen Volksfronten mit der angeblich fortschrittlichen lokalen Bourgeoisie ein und gaben ihre organisatorische Unabhängigkeit auf. Am Ende wurden sie zerschlagen.
Jamal: Sie hatten sich 2011 an der sogenannten Ägyptischen Revolution beteiligt. Linke verhalfen der Muslimbruderschaft gegen das alte Militärregime zur Macht. Die verfolgten dann ein neoliberales Programm. War diese Kooperation nicht ein Fehler?
Hossam: Selbstverständlich nicht. Wir Sozialisten haben uns von Anfang an keine Illusionen über die Muslimbruderschaft gemacht und darüber, ob wir mit ihr zusammenarbeiten sollten oder nicht. Ohne ein breites Bündnis wäre Präsident Hosni Mubarak nicht gestürzt worden. Wir haben mit den Muslimbrüdern auf dem Tahrir-Platz während der 18 Tage, in denen der Platz besetzt war, zusammengearbeitet. Ohne die Unterstützung ihrer Jugend in einigen kritischen Momenten hätten wir in jenen Tagen besiegt werden können.
Nach dem Sturz von Mubarak haben wir die Muslimbruderschaft für ihr Bündnis mit dem Obersten Rat der Streitkräfte kritisiert, gelegentlich auch persönlich bekämpft. Als bei den Wahlen 2012 die Muslimbruderschaft gegen den Vertreter der Konterrevolution, Ahmed Shafik, antrat, waren wir dafür, für den Kandidaten der Muslimbrüder zu stimmen. Dieser wurde gewählt, am nächsten Tag gingen wir gegen ihn auf die Straße. Darin liegt kein Widerspruch.
Jamal: Sollte man aus der Distanz nicht ausschließlich fortschrittliche Kräften unterstützen, wie zum Beispiel die Arbeiterpartei Kurdistans, PKK, oder die Zapatistas in Südmexiko?
Hossam Die Hauptaufgabe von Marxisten in Europa ist es, sich gegen den Militarismus des eigenen Staates zu stellen und zu verhindern, dass er Diktaturen im globalen Süden unterstützt. Daneben sollte man sich nicht in die Angelegenheiten des globalen Südens einmischen. Wenn es um die Kräfte der Befreiung dort geht, kann man sie sich nicht beliebig aussuchen, um sich selbst gut zu fühlen. Lenin hatte nationale Befreiungsbewegungen in aller Welt unterstützt, die nicht unbedingt sozialistisch waren. Einige als »fortschrittlich« und andere als »reaktionär« zu charakterisieren, ist eine problematische Haltung. Ich habe Kritik an der Ideologie der PKK, ihren Taktiken und Allianzen, aber werde nicht mit dem türkischen Staat bei der Unterdrückung der Bewegung zusammenarbeiten. Das ist die Position, die Marxisten im globalen Norden einnehmen sollten, wenn es um antikoloniale Aufstände im globalen Süden geht.
Hossam el-Hamalawy ist ägyptischer Journalist, Wissenschaftler und Mitglied der Ägyptischen Revolutionären Sozialisten. Er lebt derzeit in Deutschland
Zuerst veröffentlicht bei Junge Welt.







